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Klaus Finke
Entscheidung für die „Heimat des Neuen“
Das Beispiel Der geteilte Himmel
(erschienen in: Heimat in DDR-Medien, Medienberatung,
Band 8, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1998, S.
26 – 37)
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Die Krise der SED-Herrschaft spitzte sich 1961 dramatisch zu; der Strom
der Flüchtlinge schwoll an, immer mehr Menschen verließen die
DDR , zuletzt waren es mehr als zehntausend in einem Monat, die, vor allem
über die offene Grenze in Berlin, in die Bundesrepublik flüchteten.
Die DDR-Führung griff zum letzten Mittel: am 13. August 1961 ließ
sie die Sektorengrenze in Berlin abriegeln und alle Verbindungen zwischen
West- und Ostberlin schlagartig unterbrechen. Quer durch Berlin zog die
Mauer, quer durchs Land zog ein Todesstreifen eine hermetische Grenze.
Ulbricht hatte sein freies Volk eingemauert.
Zwei Jahre später, 1963, erschien die Erzählung „Der geteilte
Himmel“ von der jungen und noch weithin unbekannten Autorin Christa Wolf.
Der prominenteste Regisseur der DEFA, Konrad Wolf, griff den Stoff sofort
auf, 1964 kam sein Film, zu dem Christa Wolf das Drehbuch geschrieben
hatte, bereits in die Kinos; der Erfolg beider Werke war durchschlagend,
in beiden Teilen Deutschlands gab es eine erregte und kontroverse Rezeption.
Die ungewöhnliche Eile, mit der die DEFA diesen Stoff einem breiten
Filmpublikum präsentierte, läßt sich nicht zureichend
aus dem ästhetischen Rang der Vorlage begründen; eher scheint
dies mit dem Thema und seiner spezifischen Zurichtung zu tun zu haben.
Modernität der Metapher
Zunächst fällt die Metaphorik vom Himmel und seiner Teilung
auf. Die titelgebende Metapher ist dabei weitaus moderner als das, worauf
sie vor allem verweist: die Existenz einer Grenze, deren Form von Anfang
an eine Monstrosität darstellte. Denn der Ausdruck „Mauer“ stellt
nicht etwa eine metaphorische Umschreibung einer auch andernorts üblichen
Grenzanlage dar, er bezeichnet im Gegenteil präzise das Wesen eines
historisch veralteten Mittels: Bis zum Beginn der Neuzeit konnte sich
etwa eine Stadt mit einer Mauer erfolgreich gegen Feinde von außen
wehren. Die Geschichte kennt noch weitere Verwendungs-möglichkeiten
von Mauern; die um Gefängnis und Irrenhaus gezogenen Mauern sind
die bekanntesten. Der Rückgriff einer modernen Staatsgewalt auf das
Mittel der Mauer, mit dem sie ihr Staatsvolk am Verlassen des Staatsterritoriums
hindern will, stellt einen absurden, gleichwohl aber bitteren und blutigen
Anachronismus dar.
Auch moderne Gesellschaften verzichten nicht auf das Verfahren der Einschließung
einzelner oder Gruppen von Auffälligen hinter Mauern. Moderne Herrschaft
zeichnet sich aber durch eine Abnahme physischer Gewaltanwendung aus,
sie erzwingt nicht Gehorsam durch Gewalt, sie beruht auf innerer Zustimmung
der Herrschaftsunterworfenen als Grundlage ihrer Legitimation. Die
Einschließung des eigenen Volkes offenbart, woran es der SED-Herrschaft
bis zum Ende mangelte: an ihrer Legitimation.
Dieses Problem erkennt der Film, es bildet seinen Ausgangspunkt. Mit der
Symbolkraft seines Titels schafft er einen metaphorischen Neubeginn, darin
liegt die Bedeutung des Films. Seine Titel-Metapher weist in die Zukunft,
sie verweist auf die zu lösende Aufgabe der SED-Herrschaft: die Schaffung
einer Ordnung von Selbst- und Weltdeutungsmustern, mit deren Hilfe der
einzelne die unübersehbaren Zufälligkeiten des Lebens in die
Sinnhaftigkeit eines geordneten Ganzen stellen kann, kurz: die Schaffung
einer symbolischen Ordnung. Der Ansatzpunkt des Films ist modern, weil
er selbst ein solches Sinngebungsverfahren in Gang setzt. Damit
ersetzt der Film die alten Methoden propagandistischer Einhämmerung
von Parolen; er versucht seine Botschaft mit subtilen Mitteln in die Köpfe
einsickern zu lassen. Der Film selbst ist ein Anwendungsfall einer effektiven
symbolischen Ordnung; mit seinem metaphorischen Titel formuliert er, worauf
es für eine moderne Herrschaft ankommt: wichtiger als die Präsenz
einer physischen Mauer ist eine symbolische Mauer, eine Mauer im Kopf,
die dem einzelne die Unterscheidung von richtig /falsch, gut/böse,
Freund/ Feind etc. erlaubt. Alle Handlungsstränge des Films sind
diesem Problem untergeordnet.
Teilung als Thema ?
Worum geht es im Film auf der Handlungsebene? Wessen Geschichte wird
erzählt?
In den gängigen Interpretationen wird die Geschichte des Films gern
als „Liebesaffaire“ oder als „ergreifendes Gleichnis der Teilung Deutschlands“
vorgestellt; ein etwas genauerer Blick zeigt allerdings, wie sehr dies
eine unzulässige Verkürzung ist, in deren Folge eine angemessen
Erschließung der Tiefenstruktur des Werks dann nicht mehr möglich
ist. Das gilt insbesondere vom Thema Teilung. Es kommt durchaus vor im
Film, aber nur als Kulisse. Der Film ist vielmehr die allegorische Darstellung
der Krise des SED-Systems und ihrer Überwindung durch die Kraft der
Jugend.
Der geteilte Himmel ist das exemplarische künstlerische Dokument
über die politische und gesellschaftliche Atmosphäre der DDR
Anfang der sechziger Jahre, vor allem über die geistige Haltung der
jungen sozialistischen Intelligenz, über die Hoffnungen und Selbsttäuschungen,
die sie mit dem Mauerbau verband. Auf der Handlungsebene erzählt
der Film die Entwicklungsgeschichte einer siebzehnjährigen Frau;
verknüpft ist damit die nachgelieferte Rechtfertigung des Mauerbaus
als Akt der Abwehr gegen eine Aggression aus dem Westen, ein ideologischer
Anbau mit einer schönen Aussicht auf die neue DDR. Diese Sicht ergibt
sich aus der Umdeutung der Einschließung des eigenen Volkes zur
Voraussetzung für einen nun ungestört möglichen Aufbau
des Sozialismus . Das Thema Mauer und der Versuch seiner Umdeutung ist
das geheime Zentrum des Films, es bleibt unausdrücklich, unthematisch,
und zwar deshalb, weil die Handlung zurückdatiert worden ist, in
die Zeit VOR den Bau der Mauer. Zur Erschließung des Sinnzentrums
des Films ist es daher erforderlich, einige seiner Schichten näher
zu betrachten.
Die sichtbare Hand der Partei
Der Film ist eine getreue Wiedergabe der Erzählung von Christa Wolf,
diese Erzählung ist, gattungstypologisch gesehen, eine Novelle; das
sie begründende „unerhörte Ereignis“, seit Goethes Definition
das Kennzeichen der Novelle, ist der plötzliche und unerwartete Wechsel
der Weltbezüge eines Menschen, einer siebzehnjährigen Frau,
die aus der vorgezeichneten, ruhigen Bahn eines Lebens an der Peripherie
des Weltgeschehens ins Zentrum der historischen Bewegung gerät, vom
„Rand in den Mittelpunkt der Welt geschleudert“ wird, wie es heißt,
und sich dort als geschichts- und handlungsmächtiges Subjekt begreifen
lernt. Dieses Zentrum der Welt ist die Trinität von Geschichte, Leben
und Partei. Diesem in der Partei kristallisierten Kollektivsubjekt nähert
sich die Heldin Rita in kritischer Ausein-andersetzung an. Ihr Weg dorthin
ist einmal als räumliche Bewegung gezeichnet: als Bewegung vom Dorf
in die große Stadt; zum anderen wird er als Expansion der Bildung
der Heldin vorgeführt.
Die Heldin spürt die „Unruhe und Aufbruchstimmung im ganzen Land“
und möchte daran teilhaben. Ihr eigener Aufbruch wird im Film doppelt
motiviert: zum einen geschieht er - ganz traditionell - durch die Liebesbeziehung
zu einem Mann, dem Chemiker aus der Großstadt; zum anderen - und
das ist das entscheidende Element- wird er von einem „Bevollmächtigten
für Lehrerwerbung“ ausgelöst, einem Vertreter der Partei also,
von dem sie für ein Lehrer-studium angeworben wird. Schon in dieser
Motivkonstellation wird die Dominanz des Politischen über das Private
deutlich, denn dies zweite Ereignis ist die „Lebenswende“, die in die
„Geschichte gewöhnlicher Leute“ eingreifende „höhere Hand“,
wobei diese Hand nicht eine unsichtbare, vielmehr die sichtbare Hand der
paternalistischen Partei ist.
Die formalen Konstruktionsmerkmale des Werks sind Rahmenhandlung und Retrospektive.
Die Rahmenhandlung, d.h. die Erzählzeit, umfaßt drei Monate
von Mitte August 1961 bis Mitte Oktober 1961, es ist die Zeit des Aufenthalts
der Heldin im Sanatorium, die Zeit vom Kollaps bis zur Genesung. Die retrospektiv
behandelte Zeit, d.h. die erzählte Zeit, umfaßt die Zeit vom
August 1959 bis August 1961. Die Rahmenkonstruktion ist jedoch nur Vorwand,
der Erzähler bindet sich nicht an die Binnenperspektive der Figuren,
die er als Ich-Erzählungen einfügt, sondern er erzählt
aus der Außenperspektive eines allwissenden Erzählers - eine
mit dem Anspruch auf objektive Weltdeutung verknüpfte Erzählhaltung.
Krise und Krankeit der Heldin dienen als Halterung für das als Erinnerung
konzipierte Erzählverfahren. Die Erzählung setzt ein nach Ritas
Kollaps, d.h. dem Tod des alten Subjekts, auf dessen Vorgeschichte sie
sich zurückwendet, um am Ende als Ergebnis der Erinnerung die Geburt
eines neuen Subjekts zeigen zu können. Diese Vorgeschichte ist als
ein sozialistischer Bildungsweg gestaltet, seine Hauptstationen sind Hochschule
und Betrieb.
Probleme der sozialistischen Produktion
Der Film richtet einen nach damaligen Maßstäben kritisch-realistischen
Blick auf den Betrieb, in dem Rita die Vorzüge der sozialistischen
Produktion kennenlernt: die Verhältnisse im Waggonwerk. An Stelle
der üblichen „Schönfärberei“, d.h. der Verwandlung von
Fiktion in Realität, präsentiert der Film eine Bestandsaufnahme,
deren Resultat zunächst ernüchtert: die große Werkshalle
gleicht einem Trümmerfeld der Produktion; trostloser Stillstand und
Unordnung dort, wo das Tempo der Zukunft herrschen sollte. Auch der Blick
auf die Arbeiter fällt ernüchternd aus: sie sitzen, aus verschiedenen
Gründen, untätig herum. Einer, der alte Kämpfer Meternagel,
spricht allerdings klipp und klar aus, woran es vor allem hapert: am fehlenden
Verantwortungsbewußtsein der Brigademitglieder. Der Film demonstriert
dies durch eine Betrachtung der Brigade anläßlich der Geburtstagsfeier
des Brigadiers in der Kneipe: die Leute trinken Bier und singen dazu ein
Wehrmachtslied!! Hier zeigt sich deutlich, wie falsch das Bewußtsein
der Arbeiter noch ist und wie stark die Macht der Vergangenheit.
Aber durch die Brigade geht ein Riß, nicht alle singen mit. Meternagel
nicht, Rita nicht, auch der neue, junge Betriebsleiter nicht, der kurz
an den Tisch kommt und sofort den gröhlenden Brigademitgliedern die
Stimmung verdirbt: der Wind des Neuen wird den Mief des Alten vertreiben,
für Bierseligkeit wird kein Platz mehr sein, wenn erst der Sozialismus
als Herrschaft der Vernunft sich durchgesetzt hat, dies ist die Botschaft
der Bilder.
Den objektiven Mißständen im Betrieb korrespondieren also subjektive.
Die Mißstände in der Brigade sind Resultat der subjektiven
Rückständigkeit der Menschen, für die der Film eine historische
Erklärung abgibt: das vorhandene Mißtrauen der Arbeiter gegen
ihre Leitung - summarisch: der Widerspruch zwischen Partei und Volk -
wird vom Betriebsleiter als „historisches Schutzschild“ gedeutet, eine
Abwehrhaltung der Arbeiter, die sie sich aufgrund ihrer Erfahrungen des
Mißbrauchs ihrer Interessen im Nationalsozialismus zugelegt haben.
Die mit der Mißbrauchserfahrung begründete Rückständigkeit
in der Brigade soll erkären, warum sie kein Kollektiv ist, sondern
nur eine in sich widersprüchliche Zweckgemeinschaft zur Erzielung
des maximalen individuellen Nutzens.
Hauptmotiv des folgenden Geschehens ist daher die Klärung der Frage,
wie die Homogenisierung dieses Haufens zum sozialistischen Kollektiv zu
schaffen sei. Der erste Impuls zu dieser Veränderung geht von oben
aus; der neue Betriebsleiter appelliert auf der Betriebsversammlung in
der bekannten, stilisierter Leninpose an jeden einzelnen, soviel zu leisten,
wie er kann, „und das ehrlich“.
Diesem Anstoß von oben entspricht eine Initiative von unten: Meternagel
setzt die Verpflichtung zur höheren Arbeitsleistung in der Brigade
durch. Aber schon die rein formale Begründung - „entweder man ist
in der Partei, oder nicht“ -, mit der die einzelnen Arbeiter die Verpflichtung
unterschreiben, signalisiert, daß dies nicht der richtige Weg sein
kann. Der erneuerte Ruhm der Brigade erweist sich daher als Pyrrhussieg;
der alte Schlendrian ist keineswegs überwunden, das Bewußtsein
noch nicht verändert.
Der Kern des Konflikts ist die Höhe der Norm. Das Interesse der rückständigen
Brigademitglieder an niedrigen Normen und dementsprechender Normübererfüllung,
die mehr Lohn bedeutet, steht auf der einen Seite. Dagegen steht Meternagel,
der mehr will als „einen neuen Hut“, also mehr als materielle Werte. Er
will zunächst individuelle, kurzfristige Interessen vermitteln mit
dem langfristigen gesellschaftlichen Interesse nach höherer Arbeits-produktivität.
Das ist immer noch ein heikles Thema und wird im Film auch dementsprechend
behutsam behandelt - Reflex der aministrativ durchgesetzten Normerhöhung
von 1953 und ihrer bekannten Folgen. Worum es jetzt geht, ist, Normerhöhungen
über einen Konsens durchzusetzen. Meternagel will zudem die Arbeit
mit der Würde einer „höheren Idee“ versehen, d.h. er will bei
seinen Kollegen die Einsicht durchsetzen, daß „uns das nützt,
was uns zu Menschen macht“; er will die Arbeit als Sache verstanden
wissen, bei der jeder mit ganzem Herzen sein kann, weil es seine eigene
Sache ist. Der Sieg dieser Einsicht ist nur über lange und geduldige
Überzeugungsarbeit zu erreichen. Ein besonders schwerer Fall, die
Bekehrung des Ex-Wehrmachtsleutnants Kuhl vom renitenten Zyniker zum ehrlichen
Arbeiter, die Meternagel erreicht, indem er mit dem Hammer psychologisiert,
zeigt, wie es gemacht wird. An der Integration dieses bisher Außenstehenden
in die Brigade kann daher exemplarisch gezeigt werden, worum es geht:
Einheit durch Überzeugung, durch Schaffung eines verbindenden Sinns.
Diese kritische Bezugnahme des Films auf innere Probleme der DDR ist Resultat
der durchaus richtigen Einsicht, daß die SED-Politik einer autoritären
Dekretierung der Einheit von Volk und Partei die wirklichen Widersprüche
nicht aus der Welt schafft. Die angestrebte Gemeinschaft des Volkes ist
noch fern, das Volk, so das Fazit des Films, ist noch nicht jene „sozialistische
Menschengemeinschaft“, die Ulbricht schon 1958 auf dem V. Parteitag der
SED proklamiert hatte, sie muß erst geschaffen werden; wie das geht,
führt der Film exemplarisch an der Brigade Ermisch vor.
Zentrum der Zeitgeschichte
Wohlgemerkt: die Triebkraft der Geschichte von Rita ist die „Aufbruchstimmung“
im Land. Damit ist nicht etwa der Aufbruch gen Westen gemeint, den Hundertausende
in der erzählten Zeit, also von 1959-1961, tatsächlich unternommen
haben; gemeint ist im Gegenteil ein vermeintlich durch die DDR gehender
Aufbruch, ein Ruck, der alles zum besseren wenden wird. Ein kurzer
Blick auf den zeitgeschichtlichen Kontext kann hier der Verdeutlichung
dienen.
Die Systemkrise ihrer Herrschaft in den Jahren 1958-1961 zwingt die SED
zur Reaktion. Die bekannte Antwort besteht zunächst im Mauerbau.
Die SED versucht zudem, durch eine Änderung ihrer Wirtschaftspolitik,
mit dem „Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung“, sowie
dem Versuch der Entwicklung neuer Technologien, eine spürbare Produktivitätssteigerung
und damit den Anschluß an das Weltniveau zu erreichen. Die SED reagiert
auch im Bereich der Kulturpolitik; vor allem aber im Bereich der Jugendpolitik
wird sie aktiv, sie nimmt den Kampf um die Seele der Jugend auf, indem
sie die rigiden Fesseln etwas lockert und der Jugend gewisse Mitsprachemöglichkeiten
einräumt. Begriffe wie „Liberalisierung“ oder gar „Demokratisierung“,
mit denen diese „Reformansätze“ der frühen sechziger Jahre gern
belegt werden, sind grundsätzlich irreführend, denn es gibt
kein Fundament, auf das sie sinnvoll zu beziehen wären. Die genannten
„Reformen“ sind vielmehr Modifikationen an den bestehenden Mechanismen
der Macht ; sie dienen ausschließlich dem Ziel, die Stabilität
der Macht zu erhöhen. In der verfassungsrechtlichen und sozialen
Wirklichkeit der DDR ist die Macht monopolisiert in den Händen der
SED. Deren Macht zu sichern, heißt auch, die innere Zustimmung der
Menschen zu ihr zu erhöhen. An dieser von ihm selbst mitbegründeten
Aufgabe arbeitet sich der Film Der Geteilte Himmel ab. Die Sorge
um die Macht ist das bewegende Motiv des Films, er steht damit im Zentrum
der Zeitgeschichte. Der Film soll jene „Aufbruchstimmung“ mitbewirken,
er soll besonders in der jungen Partei-Intelligenz die Hoffnung stützen,
auf der Grundlage der abgeriegelten West-Grenze, nun nochmals eine historische
Chance zu haben für den Aufbau eines Sozialismus. Wolf und
Wolf nehmen also eine historische Phasenverschiebung vor, indem sie die
„Aufbruchstimmung“ und Hoffnungen aus den Reformjahren NACH 1963 umdatieren
in die zwei Jahre VOR dem Mauerbau. Mit dieser kontrafaktischen Rückprojektion
sozialer und politischer Prozesse, mit einem Taschenspielertrick also,
wollen sie zweierlei erreichen: zum einen sollen die inneren Probleme
der DDR als lösbar bzw. als bereits überwunden dargestellt werden
können, der Sozialismus, so soll suggeriert werden, ist bereits auf
dem richtigen Weg, er wird allerdings, und das ist der zweite Effekt
der Umdatierung, in seiner Existenz bedroht durch einen Feind von außen,
vom Westen.
Arbeit am Sinn
Der Film antwortet auf die offenkundige Krise der SED-Herrschaft. Aus
Sorge um die Macht versucht er deren Hauptproblem, die fehlende Zustimmung
der Menschen, zu vertuschen. Der Film schlägt dafür verschiedene
Strategien ein, einmal durch eine semantische Neudefinition, d.h.
Schlüsselworte der Alltagsprache sollen mit neuen, eindeutig bestimmten
Inhalten versehen werden. Das auffälligste Beispiel dafür ist
das Wort Frieden. Seine Bedeutungs-vielfalt wird eingeschränkt und
als identisch mit Sozialismus gesetzt; nur in dieser Kopplung soll von
Frieden sinnvoll gesprochen werden können. Umgekehrt verfährt
der Film mit dem Wort Westen, das in eine Reihe gestellt wird mit Kapitalismus,
Imperialismus und Faschismus. Am Ende dieser Reihe steht dann das Wort
Krieg. Es ergibt sich also die semantische Gleichung: Sozialismus gleich
Frieden, Kapitalismus gleich Krieg. Daher ist der Film unterlegt mit dem
durchgängigen Raunen von einer drohenden Kriegsgefahr, der Bedrohung
des Sozialismus - und damit des Friedens - durch den kriegslüsternden
Imperialismus.
Die andere Seite des Problems, die Bedrohung des Systems von innen durch
Fluchtbewegung und ökonomische Krise, die Abwendung von der neuen
Gesellschaft durch massenhafte Abwanderung in den Westen und Stagnation
in der Produktion, spielt der Film dagegen in seiner Bedrohlichkeit herunter.
Der innere Feind
Das Problem der Abwanderung in den Westen zeigt der Film an der Figur
des Chemikers Manfred Herrfurth. Diese Figur ist gekennzeichnet durch
übersteigerten Egoismus und Ehrgeiz. Zudem ist sie schon Klassenfeind
durch Herkunft, wie ein Blick auf seine Familie erweist: Manfreds
Vater hatte bekanntlich, bevor er in den Westen „abgehauen“ ist, noch
Meister Meternagel in den Ruin laufen lassen. Ein Hauch von menschlicher
Größe und Tragödie zieht nun dadurch in die Geschichte
ein, daß ausgerechnet dieser Meternagel für Rita zum Vaterersatz
und Leitbild wird. Hier kommt zusammen, was zusammengehört; Rita
und der „anständige Kerl“ Meternagel finden sich auf ebenso natürliche
Weise wie sie den Klassenfeind erkennen und abstoßen. In der
Figur des Chemikers entwirft der Film ein Bild des inneren Feindes. Der
innere Feind ist für viele Mißstände in der Gesellschaft
und in der Produktion mitverantwortlich, er ist nicht nur objektiver Agent
des Imperialismus, er ist auch Fall der Psychopathologie. Aus der Perspektive
dieser Filmkonstruktion erscheint die reale Schwächung des Sozialismus
durch die Massenabwanderung umgekehrt als seine symbolische Stärkung:
wenn erst der innere Feind als Agent des äußeren aus dem Land
gejagt worden ist, dann kann endlich ohne seine Sabotage der Aufbau des
Sozialismus vorangehen.
Der Chemiker ist die Kontrastfigur der Heldin, an ihr soll die negative
Variante einer egoistischen Privatheit vorgeführt werden: der Chemiker
hat die DDR und seine Geliebte verlassen, weil er einen übersteigerten
Egoismus besitzt, seine beruflich-wissenschaftliche Karriere bedeutet
ihm mehr als Verantwortung für das Gesellschaftsganze und auch mehr
als die Liebe. Er ist nach West-Berlin gegangen, weil er dort schranken-
und skrupellos seine Forschungen weiterbetreiben kann - als Angestellter
jener Chemiekonzerne, die schon mit Auschwitz ihren Profit gemacht haben!
Ein defizitärer Charakter erscheint so als Komplement einer reaktionären
politischen Gesinnung.
Bei seiner Arbeit an der Schaffung von einheitsstiftenden Sinn führt
der Film zwei Grundmuster vor: zum einen präsentiert er die Figur
des inneren Feindes, auf dessen Konto viele innere Mißstände
gehen und der die Einheit des Volkes zersetzt; zum anderen will
er die symbolische Gleichschaltung von Sozialismus und Frieden sowie die
von Kapitalismus und Krieg erreichen.
Die neue Heldin
Die Figur Rita repräsentiert im Film das Modell einer gelingenden
Politisierung, d.h. die Einsicht in die Dominanz des Politischen über
das Private. In dieser Figur wird zudem ein Modell des künftigen
Führungspersonals entworfen. Politische, fachliche und kommu-nikative
Kompetenz sind jene vom Film herausgestellten Eigenschaften, über
die der neue Leitungstypus verfügen muß. Und da die Heldin
ein Frau ist, verfügt sie noch über eine natürliche Qualität:
sie hat auch Herz , d.h. Einfühlungsvermögen und Wärme.
Durch die Ausstattung mit diesen traditionellen Attributen der Weiblichkeit
erhält die Heldin eine weitere Kompetenz zugesprochen, nämlich
soziale Kompetenz, und das heißt weitreichende integrative Wirkung.
Damit vereinigt die Heldin idealtypisch jene Anforderungen, die
Zeit des „Neuen Sozialismus“ an einen politischen Helden stellt.
Krise und Krankheit der Heldin entspringen daher nur auf der Oberfläche
aus dem Verlust des Liebespartners; tatsächlich waren aufkommende
Zweifel und Ungewißheit darüber, wo sie hingehört, wo
sie ein sinnvolles Leben führen kann, Grund der Krankheit. Zur Absicherung
und Beglaubigung des keineswegs Selbstverständlichen der vorgeführten
politisierten Haltung der Figur Rita unternimmt der Film mit seiner Heldin
ein Experiment, er führt sie in Versuchung, indem er sie in das Land
des Feindes führt.
Die Heldin darf ihrem geflüchteten Freund in West-Berlin einen Besuch
abstatten. Das geht deshalb mühelos, weil ein Besuch dort vor dem
Mauerbau - und in dieser Zeit ist ja die Handlung angesiedelt - noch einfach
durch eine Fahrt mit der innerstädtischen Berliner
S-Bahn möglich war. Resultat der Reise ist die Gewinnung einer Gewißheit
über den Ort, der der ihre ist: aus der sichtbaren Fremdheit und
Entfremdung im Westen, die der Film mit allen üblichen Klischees
ausmalt, entsteht die Sicherheit der Entscheidung zum Bleiben in dem Land,
das Heimat des Neuen werden soll und das damit auch ihre Heimat sein muß.
Vieles hat sich auf dem Bildungsweg der Heldin durch das Land des Sozialismus
ihrem jungen, kritischen Blick als veränderungsbedürftig dargestellt;
aber schon ihr vorhandener Glaube an die Möglichkeit von Veränderung
spricht für ihn. Aus der vorgeführten Einheit des Politischen
und Privaten entsteht jene unbestimmbare, unergründliche Kraft, die
sie zur Entscheidung trägt. Krise und Krankheit der Heldin bezeugen
allerdings die Abwesenheit einer absoluten Gewißheit. Die von der
Heldin schließlich gewonnene Gewißheit ist eine zweiter Ordnung,
eine, die der Bestätigung bedürftig war: erst nach der überstandenen
Versuchung einer Abwendung in den Westen, weiß sie, wo Heimat und
Zukunft liegen. Diese Figur unterscheidet sich darin von den bis dahin
im Sozialistischen Realismus üblichen Helden der Unbeirrbarkeit und
Gewißheit; diese Figur kann daher als Beispiel eines Heroismus mit
menschlichen Zügen gelten. Denn heroisch ist ihr Verhalten allemal:
Gründe und Interessen als Grundlage politischen Handelns spielen
dabei keine Rolle. Nicht die Begrenzung des Politikbegriffs auf eine kompromißfähige
rationale Interessenpolitik, sondern durch eine Aufladung ins Existenzielle
ist er gekennzeichnet . In diesem Politikverständnis geht es um die
großen Fragen von Tod und Leben, von Freund und Feind, um Sein oder
Nichtsein - ein Drittes gibt es nicht. Im Film übernimmt daher die
Berufung auf einen diffusen, vitalistisch gefärbten Lebensbegriff
die entscheidende Rolle, bei dem, was zur Entscheidung führt.
Konservativer Politikentwurf
Die Vorstellung von Entscheidung als letzter und unableitbarer Grundlage
politischen Handelns ist grundlegend für den Dezisionismus.
Dieser Theorie zufolge ist politisches Handeln aus Normen nicht abzuleiten,
es steht über bestehenden Normen, es schafft selber aus dem Nichts
neue Normen. Diese Theorie gehört zum Kernbestand konservativen Denkens;
ihre prägnante, ins Politische gewendete Formulierung hat diese Denkfigur
bei Carl Schmitt gefunden, einem der führenden konservativen Staatsrechtler
der Weimarer Republik und des Dritten Reiches. Die erstaunlich anmutende
Berührung eines nominell marxistischen Denkens mit einem dezidiert
konservativen ist nun kein Zufall; beide Denkrichtungen stimmen überein
in der Annahme eines handlungsmächtigen Subjekts der Geschichte.
Diese Annahme ist gerichtet gegen die bedrohlichen Mächte der Anonymisierung
in der funktional differenzierten Ordnung einer Massengesellschaft. Beide
Denkrichtungen konvergieren zudem in der Hervorhebung der Bedeutung des
souveränen, starken Staats; aus dieser strukturellen Ähnlichkeit
ergeben sich weitere Berührungspunkte. Daher kann auch Schmitts berühmtes
Freund-Feind-Schema von beiden Seiten rezipiert und praktiziert werden.
Nach Schmitt setzt der Begriff des Staates den des Politischen voraus;
daran anschließend kann er definieren: „Die spezifisch politische
Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive
zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind“.
Dies ist der Hintergrund für die im Film vorgeführte Entscheidung
der Heldin; dies ist das Schema, mit dem im Film die Wirren der Wirklichkeit
in eine neue Ordnung überführt werden können. Krise und
Krankheit kann die Heldin überwinden, weil sie auf der Grundlage
der Unterscheidung von Freund und Feind zur Entscheidung fähig ist.
Daß dies eine Entscheidung für den Sozialismus ist, ist selbstverständlich.
Stellvertreter-Politik
Dieser Politikentwurf fußt allerdings auf einer ungeheuren Selbsttäuschung;
sie schlägt sich nieder in einer ganz entscheidenden Schwäche
der Komposition des Werks. Der Film hat die Handlung in die Zeit vor dem
Mauerbau zurückversetzt; das hat die Möglichkeit eröffnet,
die Heldin ohne Probleme nach West-Berlin reisen und sie dort den Klassenfeind
selbst in Augenschein nehmen zu lassen. Die dort gemachte Entfremdungserfahrung
hat zur Überwindung des vorhandenen Zweifels beigetragen. Hinzu kommt
die Beschwörung eines vitalistischen Begriffs von Leben. Beides führt
zur Entscheidung für den Sozialismus, d.h. ein „höheres“ Leben.
Die Konstruktion des Entwicklungsganges der Heldin soll als Modell fungieren
für jene, denen angesichts der nun geschlossenen Grenze, eine eigene
Anschauung vom Westen nicht mehr möglich ist. Die Heldin besucht
also West-Berlin als Stellvertreterin der Daheimge-blieben; wie SIE den
Westen sieht, so sollen ALLE ihn sehen, ihre Botschaft soll den Verzicht
darauf bewirken, nun noch selbst in den Westen zu wollen. Die kontrafaktische
Beteuerung der Unattraktivität des Westens, die Hervorkehrung seiner
Rolle als Bedrohung des Friedens und die breit ausgemalte Entfremdungsatmosphäre
sollen dabei als Überzeugungsmittel dienen. Das überzeugt selbstverständlich
nur die Filmemacher selbst, denn die Glaubwürdigkeit der Entscheidung
der Heldin für den Sozialismus als freie Entscheidung hängt
existenziell mit der Möglichkeit des Besuchs in Westberlin zusammen.
Diese Glaubwürdigkeit entfällt daher völlig in einer Lage,
in der den Adressaten des Werks diese entscheidende Möglichkeit in
der politischen Realität bereits genommen worden ist. Es gehört
zu den unauflösbaren Widersprüchen des Films, auf die Kraft
einer freien Entscheidung zu setzten, die als freie bereits nicht mehr
möglich ist, sondern nur als Nachvollzug eines Zwanges, den der Befehl
des Staates zur Grenzschließung gesetzt hat. Die grundlegende Konstruktionsschwäche
des Films, die darin besteht, daß er den vergangenen Status der
offenen Grenze fingiert, zeigt in aller Klarheit das Ausmaß der
Selbsttäuschung der am Film beteiligten Vertreter der sozialistischen
Intelligenz. Da sie die Entscheidung gefällt haben, den Sozialismus
„aufzubauen“, verschließen sie die Augen vor der Unmöglichkeit,
einen „Verein freier Menschen“, als den Marx den Sozialismus umschrieben
hat, ohne und gegen die Menschen zu schaffen. In der stalinistischen Partei
sind bekanntlich Gewißheit und Kenntnis der Gesetze der historischen
Entwicklung verkörpert, daher ist sie legitimiert, als Stellvertreterin
jener Menschen zu handeln, die noch nicht über die gleiche Einsichtshöhe
verfügen. Aus dieser Auffassung von der historischen Mission der
Partei entnimmt die sozialistische Intelligenz die Rechtfertigung, die
Sichtbarkeit der Widersprüche zu überspringen. Das Ergebnis
ist bekannt.25 Jahre später gibt es eine verschärfte und finale
Wiederkehr des Problems, auf welches schon Der geteilte Himmel
eine Antwort geben wollte. Auf der letzten großen Kundgebung der
‘kritischen ‘ sozialistischen Intelligenz im Herbst 1989 auf dem Alexanderplatz
in ?erlin faßt Christa Wolf das Problem in die Formel
„Stell dir vor es ist Sozialismus, und keiner geht weg“ Es ist die Formel
für die trostlose Hilflosigkeit des Versuchs , einen Sozialismus
gegen die Menschen schaffen zu wollen.Und es ist die Formel der
Selbsttäuschung der sozialistischen Intelligenz.
Resümee
Der Film Der geteilte Himmel ist die allegorische Darstellung
der Krise des Sozialismus und seiner Überwindung durch die Kraft
der Jugend.
Der Film präsentiert mit der Figur der Rita einen neuen Typus des
politisierten Helden; der neue Held ist jugendlich und weiblich, er ist
mit Zügen von Lebensechtheit ausgestattet. Traditionell ist er in
seiner Funktion als Ideenträger; er repräsentiert die Vorstellungen
der jungen sozialistischen Intelligenz, ihre Selbstdeutung und ihre Selbsttäuschungen.
Die voraus-greifende Modernität des Films liegt in der Erkenntnis
der Bedeutung einer verbindlichen Sinngebung, einer symbolischen Ordnung.
An ihrer Herstellung arbeitet der Film, er ist bestrebt, der Idee des
Sozialismus eine Legitimation zu verschaffen. Die Heldin gewinnt
die Fähigkeit zur Entscheidung für den Sozialismus allerdings
nicht aus nachvollziebaren Gründen, sondern aus der Unergründlichkeit
eines höheren Lebenssinns. Die Maxime ihres Handelns ist daher nicht
verallgemeinerungsfähig, gleichwohl soll ihre Entscheidung
als allgemeines Handlungsgesetz für die Daheimgebliebenen gelten.
Dieser Widerspruch führt zu dem weiteren Wider-spruch der im
Film vertretenen Sozialismusvorstellung. Er besteht darin, aus den Bedingungen
der Unfreiheit, der Einschließung des Volkes hinter der Mauer, eine
Gesellschaft der Freien schaffen zu wollen. Alle heutigen Hinweise auf
Reformen im Zuge einer neuen SED-Politik nach dem Mauerbau, auf emanzipative
Bestrebungen vor allem im Bereich der Jugendpolitik, können bestenfalls
graduelle Abstufungen angeben innerhalb eines steinernen Gehäuses
der Hörigkeit, des Machtmonpols der SED.
Die Figur Rita, Prototyp einer Jugendlichen in der DDR der
sechziger Jahre, eine Figur, die doch eine humane Zukunft erbauen soll,
hat ihre Wurzeln tief in einer autoritär-inhumanen Vergangenheit.
Der Kontrast zur fast zeitgleich im Westens entstehenden Figur des Jugendprotests
ist überdeutlich; die „Lovely Rita“ der Beatles ist Lichtjahre entfernt
von der pseudo-politisierten Jugend des Sozialismus.
Filmographische Angaben: DER GETEILTE HIMMEL
Premiere: 03.09.1964
Regie: Konrad Wolf
Drehbuch: Christa Wolf, Gerhard Wolf, Konrad Wolf, Willi Brückner,
Kurt Barthel
Dramaturg: Willi Brückner
Kamera: Werner Bergmann
Musik: Hans-Dieter Hosalla
Bauten: Alfred Hirschmeier
Kostüme: Dorit Gründel
Schnitt: Helga Krause
Länge: 110 min.-s/w
Darsteller: Renate Blume (Rita Seidel)-- Eberhard Esche (Manfred Herrfurth)--Hans
Hardt-Hartdloff (Rolf Meternagel ) -- Hilmar Thate (Host Wendland) – u.a.
Anhang
I. Auftrag der Geschichte
„ Worin besteht der Auftrag, den die Schriftsteller von der Geschichte
erhalten haben? Der Auftrag besteht darin, daß sie das Neue im Leben,
in den gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen, in ihrem Kampf um
den sozialistischen Aufbau, um die sozialistische Umgestaltung des gesamten
Lebens künstlerisch gestalten, daß sie durch ihre künstlerischen
Leistungen die Menschen begeistern und dadurch mithelfen, das Tempo der
Entwicklung zu beschleunigen und vorwärtszubringen. Das arbeitende
Volk erwartet von den Schriftstellern, daß sie ihren großen
Beitrag zur sozialistischen Umgestaltung in der Deutschen Demokratischen
Republik leisten.“
Walter Ulbricht: Fragen der Entwicklung der sozialistischen Literatur
und Kultur. Rede vor Schriftstellern, Brigaden der sozialistsichen Arbeit
und Kulturschaffenden in Bitterfeld am 24.4.1959, in: derselbe: Über
die Dialektik unseres sozialistischen Aufbaus, Berlin 1960, S.262 f
II. Sozialismus als Herrschaft der Vernunft
„In diesem Teil Deutschlands, der vor zwanzig Jahren noch von Faschisten
beherrscht und von verbitterten, verwirrten, haßerfüllten Leuten
bewohnt wurde, ist der Grund gelegt zu einem vernünftigen Zusammenleben
der Menschen. Die Vernunft - wir nennen es Sozialismus - ist in den Alltag
eingedrungen. Sie ist das Maß, nach dem hier gemessen wird, das
Ideal, in dessen Namen hier gelobt und getadelt wird.“
Christa Wolf, Rede am 7.Oktober 1964 zum 15. Jahrestags der Staatsgründung,
in: Christa Wolf: Die Dimension des Autors, Bd.1, Berlin/Weimar 1986,
S.398
„Aber manche Künstler haben etwas daraus gemacht. Sie sind, wie
sie aufgefordert worden waren, in die Betriebe gegangen und haben sich
angeguckt, was dort los war. ‚Spur der Steine‘ist aus solchen Begegnungen
entstanden. Auch den ‚Geteilten Himmel‘hätte ich nicht
geschrieben, ohne daß ich in einem Betrieb gewesen wäre. Und
als klar wurde, daß die Verbindung der Künstler mit den Betrieben
dazu führte, daß sie realistisch sahen, was dort los war,daß
sie Freund-schaften mit Arbeitern, mit Betriebsleitern und mit Leuten
anderer Berufe knüpften und daß sie Bescheid zu wissen begannen
auch über die ökonomische Realität in diesem Land: Da,
genau an diesem Punkt,wurde die Bitterfelder Konferenz, wurden die Möglichkeiten,
die sie uns eröffnet hatte, ganz rigoros beschnitten“.
Christa Wolf: Erinnerungsbericht, in: Kahlschlag. Das 11.Plenum des ZK
der SED 1965.Studien und Dokumente, Hrsg. von Günter Agde, BERLIN
1991, S.269
IV. Keine Freiheit für Verrückte
„Ist jetzt allen Genossen klar, frage ich, daß es nicht um Literatur
geht und auch nicht um höhere Philosophie, sondern um einen politischen
Kampf zwischen zwei Systemen. (...) Also worum geht es? Um die Gewährung
von Freiheiten in der DDR, die in der bürgerlichen Gesellschaft des
Westens üblich sind. - Aber wir haben viel weitergehende Freiheiten;
wir haben nur keine Freiheit für Verrückte, sonst haben wir
absolute Freiheiten überall“.
Walter Ulbricht, Schlußwort auf der 11. Tagung des des Zk der SED
1965, in: Kahlschlag. Das 11.Plenum des ZK der SED 1965. Studien und Dokumente,
Hrsg.von Günter Agde, BERLIN 1991, S.350
V. Chemie und Intelligenz:
„In Anbetracht der großen Rolle der Intelligenz der chemischen
Forschung und Produktion ist es sehr wichtig, daß die Werksleitungen,
die Parteiorganisationen und die Gewerkschaftsleitungen gemeinsam für
solche Arbeits- und Lebensbedingungen der Intelligenz sorgen, die ihr
die ungehemmte Teilnahme an der schöpferischen Arbeit sichert...“.
Ihre „ vaterländische Pflicht besteht darin, den Frieden zu sichern
und den Kampf gegen die Atomrüstungspolitiker zu führen. Unter
der Bedrohung durch die Atombomben der Nato kann kein Chemiker in Ruhe
arbeiten. (...) Sie als Chemiker wissen, ... daß im zweiten Weltkrieg
die Machthaber der IG Farben zu den Hauptkriegstreibern Hitlers gehörten
... daß die Herren der IG Farben die Verantwortung tragen für
den heimtückischen Mord an Tausenden und aber Tausenden Antifaschisten
und Kriegsgefangenen, die in Auschwitz und in anderen Lagern vergast wurden.
Das war das Werk der Großaktionäre, der Konzernführer
der IG Farben, und heute treiben sie in Westdeutschland die Atomrüstung
und die Vorbereitung des chemischen Krieges vorwärts“.
Walter Ulbricht: Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit. Aus dem
Referat auf der Chemiekonferenz des ZK der SED und der Staatlichen Plankommission
in Leuna, 3. und 4. November 1958, in: derselbe: Zur sozialistischen Entwicklung
der Volkswirtschaft seit 1945, Berlin 1960, S.714-784
Ausgewählte Literatur zum Thema::
Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt/M.
1955
Blumenberg, Hans: Arbeit am Mythos, Frankfurt/M. 1979
Erbe, Günter: Die verfemte Moderne,Opladen 1993
Fischer Filmgeschichte Bd.4:1961-1976, Frankfurt/M. 1992
Holzweißig, Gunter: Zensur ohne Zensor. Die SED-Informationsdiktatur,
Bonn 1997
ENDE
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